Das Konzept Tänze, Bilder Klanggestalten
Von Janáceks klingenden Genrebildern über Ravels brillante Walzer-Miniaturen bis hin zum spannungsreichen Wechsel der Farben und Formen in Kirchners Werk spannt die Pianistin Susanne Duch mit drei kleinen Klavierzyklen einen Bogen über 100 Jahre klassische Moderne.
Faszination der Urgewalt
Ein Vorwort von Susanne Duch
Am Anfang stand die Faszination von „Mandala“. Dieses
Stück von Volker David Kirchner hat eine so gewaltige klangliche
Bandbreite und ist von so enormer emotionaler Dichte und Wucht, dass
der Versuch, diese Noten zum Klingen zu bringen, mir wie ein Abenteuer
erschien. „Mandala“ führt an die Grenzen der persönlichen
Ausdrucks-fähigkeit und des pianistischen Umsetzungsvermögens.
Heftige Eruptionen stehen gegenüber beredsamer Stille und schaffen
eine kaum zu überbietende Spannung. Nicht zuletzt auch für
den Flügel, der unter der Last dieses Werks bei der Aufnahme immer
wieder „an die Box“ musste.
Es galt, diesem musikalischen Urgestein etwas gegenüber zu stellen, das diesen Kräften standhalten kann. Ich fand es in den Stücken von Janácek und Ravel, die in mancherlei Hinsicht der Schreibweise von Kirchner verwandt sind. Romantischer Gestus ist ihnen genauso fern wie epische Breite – und dennoch schaffen sie eine üppige Klangfülle.
Janácek schreibt auf den ersten Blick in vertrauter Tonalität,
dennoch ist seine Musik von einem ganz eigenen Stil geprägt, der
keine Vorbilder und keine Nachahmer kennt. Wie jemand, der seine Worte
genau abwägt, ist der Gestus seiner Werke motivisch sehr konzis,
verzichtet auf jedwede Schnörkel und Ornamente und bietet eine
sehr eigenwillige Klangfärbung. Bei aller Prägnanz wirkt
diese Musik dennoch niemals konstruiert. Es wird berichtet, Janácek
habe seine Motive stundenlang ins Klavier hineingehämmert, um
in einer Art Trance die Bandbreite an Ausdrucksformen zu ergründen,
die dem Motiv innewohnt.Und so ist das kreative Nachschaffen des Interpreten
auch an genau diesem Punkt gefragt: Die Textvorlage verlangt vom Spieler
sehr genaues Hinhören, um die Breite und Tiefe der Möglichkeiten
auszuloten, die sich in ihr verbergen.
Ravel scheint auf den ersten Blick viel „konsumentennäher“, leichter verdaulich. Auch er bleibt der bekannten Tonalität verhaftet, läßt die Schwerkraft des Grundtons wirken und stellt sie gleichzeitig immer infrage. So als wollte er den Zuhörer ebenso listig wie geistvoll überreden, etwas als einfach anzunehmen, was in Wirklichkeit sehr kunstvoll geschaffen ist.
Wie Janácek verzichtet auch Ravel völlig auf dekoratives Beiwerk. Wo er in einem Walzer harte Reibungen und Akzente einsetzt, löst er sie in einem anderen kapriziös und „sentimental“ wieder auf. Jedes stiltechnische Element, sei es die Ganztonleiter, modale Wendungen oder Pentatonik scheinen nur als „Gewürz“ eingestreut zu werden, um dem Ganzen Aroma und Schärfe zu verleihen. Seiner Musik hört man niemals an, daß Strawinsky ihn wegen der Kompliziertheit und Genauigkeit seiner Werke den „Schweizer Uhrmacher“ unter den Komponisten nannte.
Volker David Kirchner lehnt sich bewußt an seine großen Vorfahren an, und findet dabei wie sie einen ganz eigenen Weg der Klanggestaltung. Jede einzelne der 14 „Veränderun-gen“ bildet eine atmosphärische Einheit – wie ein einzelner Stern in einem System, der in seiner Schwerkraft ohne die anderen seinen Platz nie behalten könnte und doch für sich alleine steht. So gibt es Stücke von großer Dramatik ebenso wie von schwebender Leichtigkeit, eruptiver Gewalt und sprechender Stille. Wie ein roter Faden durchzieht das Anfangsmotiv alle Teile, verwandelt sich und bleibt doch immer in seinem Kern unverwundet.
Auch hier steht der Klang immer im Dienst der motivischen Aussage und ist gerade deswegen so sinnlich wie in den anderen beiden Werken. Kirchners Musik geht immer vom Klang aus, weil nur dieser das Medium ist, das den Zuhörer erreicht. Tatsächlich läßt sich nur so eine musikalische Aussage vermitteln – nicht durch geistreiche Vorworte.
