Maurice Ravel
Valses nobles et sentimentales
In der Pariser Salle Gaveau, dem schönsten Kammermusiksaal des Fin de siècle in Frankreichs Hauptstadt, kam es am 9. Mai 1911 zu einer denkwürdigen Uraufführung: Der Pianist Louis Aubert spielte zum ersten Mal die „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel. Wie bei allen anderen Programmpunkten war der Name des Komponisten auch bei diesem Stück nicht genannt worden. Das Publikum sollte ihn erraten. Freilich verstörten die Dissonanzen dieser sogenannten Walzer die Zuhörer dermaßen, dass sie in wütenden Protest ausbrachen. Einzelne, die sich mit einer Vermutung vorwagten, dachten angesichts der ungewohnten Harmonien an den Ungarn Zoltán Kodály, andere vermuteten hinter der scheinbaren Walzer-Parodie keinen Geringeren als Erik Satie.
Elf Monate später hob Ravel die Orchesterfassung als Ballettmusik unter dem Titel „Adélaide ou la language des fleurs“ im Pariser Châtelet aus der Taufe. Zum durchschlagenden Erfolg wurde der Zyklus jedoch erst in der dritten Version: einer Konzertfassung für Orchester unter dem ursprünglichen Titel, die Pierre Monteux erstmals 1914 im Casino de Paris dirigierte. In dieser Form traten die Walzer alsbald ihren Siegeszug durch die Konzertsäle an, während die Klavierfassung von den Pianisten bis heute eher selten aufs Programm gesetzt wird. Dies liegt nicht zuletzt am verklingenden Schluss der Walzerfolge, die sich in der Weite des Ballsaals zu verlieren scheint. Einen kraftvollen, publikumswirksamen Schlusseffekt wie in seinem Werk „La Valse“ hat Ravel dem Pianisten hier nicht gegönnt.
Den Titel der Walzerfolge entlehnte er Franz Schubert. Dieser hatte 1825 die 34 „Valses sentimentales“, dann 1827 die 12 „Valses nobles“ bei seinen Verlegern herausgebracht. Während die Ersteren zum Tanzen während der Faschingssaison bestimmt waren, handelte es sich bei den „Valses nobles“ um reine Konzertwalzer – die ersten ihrer Art. Ravel vereinigte die Titel beider Zyklen und schrieb eine unverhohlene Hommage an Schubert: „Der Titel zeigt deutlich genug meine Absicht, eine Walzerreihe nach dem Vorbild Schuberts zu schreiben.
Auf die Virtuosität, die den Grund von ‚Gaspard de la nuit’ bildete, folgt hier eine viel klarere Schreibweise, die die Harmonien schärft und das Relief der Musik viel deutlicher hervortreten lässt.“ Als Kopfzeile über der Partitur zitierte Ravel einen Vers von Henry de Regnier, einem Dichter, den er damals auch für seine Lieder gerne heranzog: „Le plaisir délicieux et toujours nouveau d’une occupation inutile“, zu deutsch: „Das delikate und immer neue Vergnügen einer nutzlosen Beschäftigung.“ Ein schöneres Motto für eine wienerische Walzerfolge könnte man kaum finden.
Dr. Karl Böhmer
