Leos Janácek
Auf verwachsenem Pfade
Autobiographische Bekenntnisse in Zyklen von Klavierstücken zu offenbaren, hatte in der tschechischen Musik schon vor Leos Janácek Tradition. Der Spätromantiker Zdenek Fibich hatte mit seinem acht Jahre lang geführten klavieristischen Tagebuch „Stimmungen, Eindrücke und Erinnerungen“ den Weg gewiesen. Janácek folgte ihm 1908 mit dem Zyklus „Auf verwachsenem Pfade“, einer Sammlung von Erinnerungsbildern an seine früh verstorbene Tochter Olga.
Es war ein tragisches Band, das den Vater mit seinem einzigen überlebenden Kind verknüpfte. Seit Kindertagen litt Olga unter den Folgen eines Rheumatismus, der ihr Herz angriff. Alles Laufen, Spielen und Tanzen war dem kränklichen Mädchen verwehrt. Erst im Alter von 18 Jahren begleitete sie ihre Eltern zum ersten Mal auf einen Ball, dessen Orchester vom Vater dirigiert wurde. Als ein Medizinstudent aus Prag sich prompt in sie verliebte, unterbanden die Eltern kategorisch die sich entwickelnde Liaison und schickten die Tochter nach St. Petersburg, um dort ihre Ausbildung als Lehrerin für Russisch zu vollenden. Doch ausgerechnet in Russland erkrankte Olga an Typhus. Die Eltern mussten die völlig Geschwächte in die Heimat zurückholen, wo sie ein letztes Weihnachtsfest mit ihnen feiern konnte, bevor sie mitten im Karneval starb. Auf dem Sterbebett bat sie ihren Vater noch, die gerade vollendete Oper „Jenufa“ für sie zu spielen. Zwei Tage später war sie tot.
Nach dem erschütternden Abschied von Olga verarbeitete Janácek
die Erinnerung an sie in einem Klavierzyklus. Dazu griff er auf fünf
Stücke für Harmonium zurück, die er bereits 1901 als „Slawische
Melodien“ für dieses Instrument herausgegeben hatte. Er
arbeitete sie für Klavier um und fügte bis 1908 weitere fünf
Stücke von ähnlichem Gehalt hinzu. In dieser zehnteiligen
Form brachte er den Zyklus 1911 heraus und gab ihm den Titel „Auf
verwachsenem Pfade“. Die Wege, die er einst an Olgas Seite gegangen
war, waren nunmehr, acht Jahre nach ihrem Tod, von Gras überwachsen.
Janácek entlehnte diese Metapher einem mährischen Hochzeitslied,
in dem es heißt:
„Verwachsen von zartkleinem Klee
ist mir zum Mütterchen der Pfad.“
Bei der Veröffentlichung ließ der Komponist fünf weitere Stücke unberücksichtigt, die im Rahmen des Zyklus ursprünglich entstanden waren. Sie wurden erst 1942, 14 Jahre nach seinem Tode, als „Reihe II“ veröffentlicht. In heutigen Aufführungen bleiben diese posthumen Stücke oft fort, zumal sie keine Titel tragen wie der Hauptteil der Reihe.
Die ersten zehn, vom Komponisten selbst veröffentlichten Stücke
erreichen eine geradezu beklemmende Dichte. Sie zeigen, wie der Vater
in Gedanken unaufhörlich um die Erinnerungen an sein verlorenes
Kind kreiste – Erinnerungen, die ihm so lieb waren, dass sie „glaube
ich, niemals enden werden“, wie er bekannte: „Das Maß der
dabei erlebten Leiden ist größer, als Worte zu sagen vermögen“.
Mit diesem Bekenntnis im Herzen kleidete Janácek die Trauer
in Klavierzeichnungen von zarter Melancholie und feinster Linienführung.
Sie beginnen mit der Erinnerung an die Abende, die er an der Seite
seiner Tochter verbringen durfte. Es ist ein Moderato in cis-Moll,
dessen klagende Melodie immer wieder beim Ton gis ansetzt und sich
in schlichtester Linie entfaltet. Im zweiten und dritten Stück
scheint der Vater in Briefen der Tochter zu lesen. Nr. 2, ein Andante
in Des-Dur, nannte er „Verwehtes Blatt“, an anderer Stelle
auch ein „Liebeslied“ – ein Liebeslied voller Schwermut.
Nr. 3 („Kommt mit!“) bezeichnete Janácek als einen „Brief,
weggelegt und vergessen“. Die Polkamelodie mag an jene Ballnacht
erinnern, die Olga ein kurzes Glück an der Seite des Prager Studenten
beschert hatte.
In Nr. 4 wandern wir mit Vater und Tochter zur Friedeker Muttergottes,
einem Gnadenbild im bedeutendsten Wallfahrtsort Nordmährens. Wie
Hunderttausende Gläubige vor ihnen pilgerten auch Janácek
und seine Tochter zur wundertätigen Madonna, um sie um Beistand
für Olgas Heilung zu bitten. Die Musik dieses Stücks, das
ganz aus dem Klang des Harmoniums entwickelt ist, verwendete Janácek
später in einem „Ave Maria“ für Tenor, Chor und
Orgel.
Im fünften Stück mit dem Titel „Sie schwatzten wie
die Schwalben“ setzt sich wieder Daseinsfreude durch, bevor im
sechsten Stück einem Wort des Komponisten zufolge „die Bitternis
der Enttäuschung“ spürbar wird („Es stockt das
Wort!“, Andante in Es-Dur). Das siebte Stück ist ein aus
der Vergangenheit zurückgeholtes Nachtlied für die Tochter,
ein Andante im lydischen Kirchenton über einer geradezu schwebenden
Begleitung. Nr. 8, „So namenlos bange“, beschreibt dagegen
die Schattenseiten der Nacht. Leises Weinen durchzieht dem Komponisten
zufolge diese Szene, eine „Vorahnung unentrinnbaren Todes”,
wie sie seine Tochter in den heißen Nächten ihres letztes
Sommers überfiel: „In heißen Sommernächten war
dem geradezu engelsgleichen Geschöpf so tödlich bang.“
Der Weg in den Tod setzt sich im neunten Stück „In Tränen“ fort und gipfelt in Nr. 10 mit dem Titel „Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen!“ Was im Titel so unschuldig klingt, ist in Wahrheit ein Stück voller Todesahnungen, denn im Volksglauben der Tschechen gilt der Kauz als Todesbote, sein Ruf als schlechtes Omen. Und so wird das „vertrauensvolle Lied des Daseins“, eine Art Choral in E-Dur, immer wieder vom „unheilvollen Motiv des Käuzchens“ unterbrochen. Der Zyklus schließt in jenem resignativen Tonfall, in dem er begonnen hatte.
